Presse

Heimatfilm

 

Tödliche Provinz

„Heimatfilm!“ – ein deutsches Zerstörungsdrama mit Fritzi Haberlandt

Das ist der Horror, der absolute Horror: Ein Haus im Neubaugebiet, mit Gästeklo, Kinderzimmer, Partykeller. So sieht es jedenfalls Britta, und das ist sicher nicht ganz die Reaktion, die Bernd erwartet hat – er hat sie überraschen wollen damit, dass er ein Grundstück erworben hat, wo er seinem Mädchen endlich das eigene Heim errichten will.

Westfälische Provinz, Fallen heißt der Ort, es gibt einen Club Amour und glitzernde Nachtclubkultur. Bernd, Hannes Jaenicke, ist der Dorfploizist, Britta, das ist Fritzi Haberlandt, jobbt in der Kneipe und in der Videothek. Ihr Gesicht ist steinern, natürlich will sie weg, kann nicht verstehen, dass einer sich hier niederlassen will: „Wie kann man denn freiwillig nach Wix-Fallen ziehen? Ich meine, wir sind hier geboren, aber du...“

Wir, das sind Britta und ihr Bruder Simon, Max Richter, sie leben in einem verwunschenem Haus. Daniel Krauss inszeniert urdeutsche Provinz als Märchenwald, die Eltern sind gestorben, bei einem Autounfall, den Simon verursacht hat. Er neigt zum Selbstmord, spielt mit der Armbrust, ein Kinderspielzeug. „Was soll ich machen“, sagt Brüderchen, „ich bin Alkoholiker...“ „Mach dich kaputt“, sagt Schwesterchen, und „Du bist das Versehen. Du bist der Unfall.“

Die Heimeligkeit, die Unheimlichkeit der deutschen Tristesse wird konfrontiert mit den Vorbildern draußen in der weiten Welt. „Leaving Las Vegas ist mein Lieblingsfilm“, erklärt Britta am Anfang, vielleicht weil da die Selbstzerstörung im großen Stil betrieben wird. Auch der Junge, dem sie das sagt, der Sanitäter Knut, gespielt von Lars Gärtner, wird ihr nicht helfen können. Bei einem Einsatz finden sie in einem Altersheim eine alte tote Frau im Bad. In ihrem Zimmer steht eine Nachbildung von Michelangelos David. Einmal nach Venedig, das war ihr Traum gewesen. Heimat – das wovor wir fliehen.

Süddeutsche Zeitung 07. Juni 2004

FRITZ GÖTTLER

 

 

Wunder gibt es immer wieder Der Titel ist Programm: "Heimatfilm!" mit Fritzi Haberlandt Von Peter Claus

Der Mund schmal und verkniffen, die Augen zu kalten Sehschlitzen verengt, versteckt in Klamotten, die so praktisch wie hässlich sind: das ist Britta (Fritzi Haberlandt). Wenn sie das erste Mal auf der Leinwand auftaucht, möchte man nur aus dem Kino rennen und die dröge Provinz-Tusse sich selbst und ihrem garantiert trüben Schicksal überlassen. Doch am Ende, wenn die junge Frau drauf und dran ist, diesen öden Ort namens Fallen (sic!) zu verlassen, da möchte man Britta einfach in den Arm nehmen. Man hat sich verliebt in diese graue Maus.

Ein kleines Wunder, wie es nur im Kino möglich ist.

Fritzi Haberlandt, diese robuste Zärtliche, und Regisseur Daniel Krauss, ein Mann mit Sinn fürs Besondere im Banalen, haben dieses kleine Wunder vollbracht. Wissen um soziale Wirklichkeit, ein genaues Gespür für Spannung im Unspektakulären und eine große Zuneigung zu den so genannten kleinen Leuten sind den Beiden offenbar eigen. Krauss hat seiner hinreißend spröden Hauptdarstellerin, die es schafft, hinter dem vordergründigen Mauerblümchenblick das leise Trauern um die unerfüllten Träume vom Glücklichsein aufscheinen zu lassen, ein weites Feld geschaffen, auf dem sie ihr großes Können voll ausspielen kann. Und Haberlandt spielt, als ginge es um Leben und Tod.

Und tatsächlich geht es in der Geschichte vom Aufbruch Brittas aus der Lethargie ja auch um Leben und Tod, im übertragenen wie im direkten Sinn. Die Begegnung mit dem Rettungssanitäter Knut (Lars Gärtner) nämlich lässt das Mädchen aus dem Videoschuppen endlich den Tritt verlieren und dadurch Halt finden. Freund Bernd (Hannes Jaenicke) und Bruder Simon (Max Richter) hätten vor der einen, alles verändernden Nacht, die im Zentrum der Story steht, wohl nicht mal ansatzweise geglaubt, dass Britta auch nur fähig ist, einen Schritt vom ausgelatschten Trampelpfad des Lebens abzuweichen.

So wie der Zuschauer, der sich zunächst nicht vorstellen kann, an diesem Mädchen irgend etwas zu finden, was ihn interessieren könnte - und am Ende zittert sein Herz für sie.

Berliner Morgenpost 28. Januar 2004

 

 

Morgen und übermorgen und alle Tage

Die Falle namens Fallen: "Heimatfilm!" von Daniel Krauss erzählt vom Beharren und Fortdrängen (WDR)

Zugegeben, das Ausrufezeichen im Filmtitel ist ein wenig verschmockt. Aber sonst zeichnet "Heimatfilm!", das Regiedebüt von Daniel Krauss, Jahrgang 1973, in Bild und Ton ein so verhaltener Umgang mit Emotionen aus, daß der vertraute Schrecken der Provinz unmittelbar zutage tritt. Im fiktiven Fallen, nahe beim nordrhein- westfälischen Heinsberg vorzustellen, wie die Autokennzeichen verraten, geht das Leben seinen höchst überschaubaren Gang. Je weniger Abwechslung in dem Kaff lockt, desto großzügiger ist die Videothek ausgestattet, wo man die Träume günstig mieten kann. Die Tankstelle als Kreuzpunkt der Kommunikation und als Alkoholzapfhahn, das ehemalige Forsthaus am Waldrand, das für die sexuellen Lüste zur Stripbar aufgerüstet wurde, die Kneipe für den sich zäh hinziehenden Wechsel vom Tag in die Nacht - damit sind die Pole dieser Welt schon abgeschritten, deren Gleichmaß etwas Aufreizendes hat und von Britta, die mit ihren sechsundzwanzig Jahren schon so lebenserfahren wie eine Vierzigjährige scheint, in den Stoßseufzer "Morgen und übermorgen und alle Tage!" gebannt wird. Und da ist der Bahnanschluß, an dem die Fluchtphantasien sich entzünden: Einfach einsteigen und weg, das wär's.

Aber so einfach eben ist das nicht, dem sehnsüchtigen Wegdrängen stellen sich fortdauernd die Kräfte des Beharrens entgegen - und genau davon erzählt Daniel Krauss, der sich sein Drehbuch von Patrick Gurris fertigen ließ, auf anschauliche, in Wehmut wie Witz gleichermaßen wortkarge Weise. Eigentlich hielte Britta, deren Energie die mal herbe, mal spröde Schauspielerin Fritzi Haberlandt ihre beeindruckende Kinnpartie zur Verfügung stellt, in Fallen kaum mehr etwas, wären nicht der alkoholabhängige jüngere Bruder (Max Richter), für den Britta sich seit dem Unfalltod der Eltern verantwortlich fühlt, und ihr deutlich älterer Freund Bernd, der nicht nur als Polizist auf die beiden Verwaisten seit Jahren ein Auge hatte.

Seiner gewiß gutgemeinten Liebe auch nur annähernd Ausdruck zu geben, ist Bernd (Hannes Jaenicke) kaum imstande. Britta dagegen schafft ihren auf Sparflamme gehaltenen Gefühlen irgendwann ein Ventil: "Wie lange muß ich dir denn treu sein? Wann sind wir quitt?" Daß Bernd sie mit dem Kauf eines Grundstücks überrascht und in der Vorstellung schon Kinderzimmer und Bad, Terrasse und Kamin absteckt, bringt die junge Frau leise in Panik. Und daß der blonde Sankrafahrer Knut, den alle eigentlich ohne Grund nur den Dicken nennen, ihr unverhohlen den Hof macht, schmeichelt Britta einerseits, befördert aber auch die Fliehkräfte, die in ihr rumoren.

Wie Buch und Regie die Riege ihrer Figuren mit wenigen Strichen hervorragend charakterisieren - Lars Gärtner als Knut etwa mit der vollkommen ausreichenden Dialogzeile gegenüber seinem Maulheldfreund, Bräute rumzukriegen sei die eine Sache, verliebt zu sein aber die ganz andere -, wie der Kameramann Roman Nowocien den flachen Landstrich modulieren läßt, was sich den Worten versagt, das ist die entscheidende Qualität dieses Preisgesangs der kleinen Fluchten. Und die Pointen kommen fast ohne Anlauf aus: "Kannst du nicht mal übers Wetter reden?" herrscht Britta, die nicht nur in der Videothek, sondern auch abends als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdienen muß, einen Kerl an, der ihr ununterbrochen mit zweideutigen Sprüchen an die Wäsche will. "Schönes Wetter heute?" sucht einenFilmschnitt später der schüchterne Knut die insgeheim seit langem verehrte Britta auf der Straße anzusprechen, mit ebensowenig Glück natürlich.

Solche Lakonik weist mit den sorgsam abgehorchten Bedrängnissen der Seele weit übers Rheinländische hinaus und macht die Ein-Schritt-vor-zwei-Schritte-zurück- Gangart Brittas glaubhaft, die sich am Ende dennoch nicht länger in die Enge treiben lassen will, zum ersten Mal zugunsten des eigenen Sehnens eine Entscheidung trifft, den Zug besteigt und der Falle namens Fallen entkommt. Den anderen, Bernd eingeschlossen, der sich in seiner Verzweiflung über den Verlust Brittas nur in ein Schulterzucken retten kann, bleiben allein die Resignation, der Alkohol und die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten dieses Beharrens auf dem Gegebenen. "Na gut, ich fahr' sie nach Hause", sagt einmal eine Halbwüchsige mit Führerschein, nachdem die Freundin sich in die Bewußtlosigkeit gesoffen hat, "aber Sarah, du bist mir was schuldig, es ist erst zwei Uhr!"

HANS-DIETER SEIDEL. Frankfurter Allgemeine, 07. Juini 2004

 

 

 

Daniel Krauss - ein Sohn der Region

Junger Regisseur stellte im "Traumstern" seinen mit großem Kritikerlob

bedachten "Heimatfilm" vor

Heiner SchultzLICH. Noch ́n Heimatfilm? Aber ja. Auf jeden Fall. Daniel Krauss hat nämlich mit seinem gleichnamigen Kinodebüt, der Abschlussarbeit an der Film- und Fernsehakademie Berlin, eine runde Sache und ein richtiges Kinovergnügen hingelegt. Am Mittwoch stellte der gebürtige Langgönser seine Arbeit auf der großen Leinwand im Kino "Traumstern" vor. "Das ist ja eine sehr familiäre Veranstaltung, die meisten kenne ich", schmunzelte der junge Regisseur, Jahrgang 1973, als er die Besucher begrüßte. Das Abitur machte er an der Weidigschule in Butzbach. Es folgte von 1996 bis 2002 die Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), wo er berühmten Künstlern wie Kameramann Michael Ballhaus über die Schulter gucken durfte und auf dessen Einladung sogar am Set von Martin Scorceses "Gangs of New York" in Italien dabei sein konnte. Und wie ist Ballhaus so? "Bei dem Mann habe ich gelernt, die Ruhe zu bewahren", sagt Krauss, "selbst wenn alles schief geht". Bei seinem eigenen Werk "Heimatfilm" ging allerdings fast gar nichts daneben, und die Kritiken in den großen Zeitungen waren richtig nobel. Die Geschichte einer aparten jungen Frau (Fritzi Haberland zeigt erneut ihre großen Fähigkeiten als natürliche, differenzierte Schauspielerin), die sich zwischen dem altgewohnten Freund (gespielt von einem wunderbar sensiblen, ausdrucksvollen Hannes Jaenicke ohne jede Manierismen - man glaubt es kaum) und einem vielversprechenden anderen entscheidet, spielt auf dem Land. Ein ausgezeichnetes Ensemble aus quicklebendigen und nicht selten witzigen Figuren bildet das Material, aus dem lebendige Erzählungen werden - alle haben ihr Kreuz zu tragen. Krauss inszeniert diese Szenerie realistisch, doch unaufdringlich, mit sicherem Blick für so manche Pointe, und schafft scheinbar mühelos die lebensechte Balance zwischen heiter und traurig. So läuft der handwerklich bemerkenswert reife, unterhaltsame Film im Nu ab. Dabei wundert und freut man sich über zahlreiche Glanzlichter, vor allem jedoch die insgesamt differenzierte, ausdrucksvolle Machart, die Krauss als großes Talent ausweist. Die Idee für den Film hat er seinerzeit mit dem Gießener Fotografen Rolf K. Wegst aus einem Einfall für eine Fotoserie entwickelt; im Nachspann bedankt sich Krauss dafür. Er spielt inzwischen in verschiedenen Fernsehserien mit, unter anderem gerade im ZDF mit Ulrich Mühe und Jörg Gudzuhn in "Der letzte Zeuge". Im Dezember inszeniert er an der Berliner Vagantenbühne ein Zwei-Personen-Stück von David Mamet, "Die Wälder". "Das wird ́n Experiment", sagt Krauss, aber er ist neugierig - und vielseitig: Nebenbei bereitet er noch zwei Bücher vor, die er schreiben wird. Inzwischen lebt er seit siebeneinhalb Jahren in Berlin, "Aber ich muss alle drei Monate nach Langgöns", sagt er, "ich komme immer wieder zurück". Schließlich hat er hier "einen sehr, sehr starken Freundeskreis", mit dem er nach der Vorstellung noch lange zusammensitzt und sich unterhält; der Fußball hat an diesem Abend keine Chance. "Das ist so eine Freude, wie man hier unterstützt wird", bedankt er sich bei den Kinomachern. Und welchen beruflichen Weg wird er nun gehen? "Es ist sehr schwer, aber es ist nun mal mein Traum, Regie zu führen", sagt Krauss. Soll er.

Giessener Anzeiger, 18. Juni 2004

 

Woyzeck

 

"Es ist nicht leicht, aus dem "schwimmenden", ungesicherten Text von Büchners "Woyzeck" eine verlässliche Lesart zu destillieren. Daniel Krauss in der Vaganten Bühne spart die Vielzahl der Figuren in den Szenenentwürfen auf ein Quartett zusammen: Woyzeck, Marie, Hauptmann (Exerzierzagel) und Doktor (Sargnagel). Handlungsort ist ein Bistro; zwei gelangweilte junge Intellektuelle von heute machen ein Experiment am lebendigen Menschen. Woyzeck, der bitterarme, bullige Kerl, und sein Mädchen Marie, barfuß und mit langen Haaren, kommen auf den Labortisch zwecks Zerstörung einer Liebe. Das Experiment gelingt, die junge Mutter kommt zu Tode, der Liebhaber fällt in Verzweiflung, die beiden Schnösel gehen einfach weg: eine brutale Reduktion des Dramas.

Im trumpfend modernistischen Ambiente Jan Müllers (die Tische zwischen den Zuschauern, der Hauptmann liest "Bild") wird einfallsreich gespielt. Jens Kraßnig und Hendrik Martz offenbaren das Hinterhältige der "Arbeitgeber", Petra Bernhard findet sich anrührend in die unterdrückte Sinnlichkeit und emotionale Unruhe der Marie. Rüdiger Klink belässt den "Woyzeck im Widerspruch zwischen der Festigkeit des willigen Arbeiters (Hartz IV?) und der Wehrlosigkeit des Liebenden."

C. Funke, Tagesspiegel, 26.11.05

"Woyzeck, der aus dem Parkett die Krakeeler betrachtet, ist in diesem Rahmen noch der "normalste"... ."

P.-H. Göpfert, Morgenpost, 26.11.05

"Ein Traum - Woyzeck

...Rüdiger Klink wirkt zunächst eifrig, gehorsam, bis ihn die Bevormundung entfremdet. Hendrik Martz als Exerzierzagel agiert selbstherrlich, großmäulig, siegesgewiß. Eine gelungene Inszenierung von Daniel Krauss, die aufs wesentliche gekürzt zwischen Traum und Gegenwartsbezug schwankt."

BZ, 25.11.05

 

Die Wälder

 

„Daniel Krauss, von Hause aus Filmemacher, hat "Die Wälder" jetzt in einer freien Produktion inszeniert, die als Gastspiel bei den Vaganten zu sehen ist. Mit Anna Eger und Markus Kunze hat Krauss zwei hoffnungsvolle Nachwuchsschauspieler gewonnen.“

Berliner Morgenpost

„Regisseur Daniel Krauss nimmt das Stück von David Mamet psychologisch ernst und macht es dadurch sehenswert.“

BZ

„Anna M. Eger spielt die Ruth mitreißend als quirlig-aufgedrehtes Mädchen mit ungebremst trotzigem Temperament, voller Unruhe bis in die Arme, Hände, Finger hinein.“

Tagesspiegel

„In „Die Wälder“ führen uns die jungen Darsteller durch ein Beziehungslabyrinth und zeigen uns am Ende, dass das Glück doch eigentlich zum greifen nahe ist.“

„Tagestip!“

TIP Stadtmagazin

Berliner Zeitung